|
 |
 |
 |
Die Radiobühne gestaltet diesen Abend in Zusammenarbeit mit der Redaktion Unterhaltung/Feuilleton. Deren Leiter Herbert Antl sieht in der mit der Radiobühne entwickelten Form die Zukunft der Sendung, wie er in einem Gespräch anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Reihe betonte.
Mit freundlicher Genehmigung des SWR veröffentlichen wir den in seiner Unternehmszeitschrift "Doppel-Pfeil" Artikel in Auszügen:
(...) Das SWR2 Studio-Brettl ist nicht bloß Mitschnitt irgendeines bestehenden Solo-Kabarett-Programms. Gerade die Kontraste zwischen den einzelnen Aufritten machen es aus. Altbekanntes und überraschend Neues, hintersinnig böse Satire und kalauernde Blödelei, fetzige Musik und fein gedrechselte Wortkunst. »Und viele Künstler«, sagt »Brettl-Direktor« Herbert Antl, »bringen neben Ausschnitten aus ihrem aktuellen Programm auch neue, eigens für uns geschriebene Texte mit. So ist das Studio-Brettl jedes Mal ein Unikat.«
Das gilt erst recht, wenn aus dem klassischen Kabarett-Abend eine Radioshow auf der Bühne wird, die mit allen Möglichkeiten der Unterhaltung spielt. »Musikabarettalunterhaltungsshow« nennt Antl sein Lieblingsprojekt. Im vergangenen Dezember feierte es in Gestalt einer Weihnachtsrevue Premiere. Bei Publikum und Presse kam der Mix aus Hörspiel, Kabarett, Musik, Talk und Clownerie sehr gut an. So ein Programm auf die Beine zu stellen, ist natürlich aufwendiger und teurer, aber mindestens einmal pro Jahr will Herbert Antl es schaffen. Denn er ist sich sicher: »Das ist die Richtung in die Zukunft.«
Weiter heißt es in dem von Stephanie Schauenburg verfassten Artikel "Grosse Kleinkunst":
Immer wieder wurde das Kabarett totgesagt. Ausgelutscht, überrollt von der Comedy-Welle. Aber es ist noch da. In alter Frische und oft auch in neuem Gewand. Wie das SWR2 Studio-Brettl, das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert.
Da haben Sie einen ganz schönen Baum in die Kabarett-Wüste gepflanzt!« Dieter Hildebrandt war es, der dem Studio-Brettl diesen Satz ins Stammbuch geschrieben hat. Zugegebenermaßen liegt Baden-Baden auf der Landkarte der Kleinkunst ziemlich ab vom Schuss. Aber in der Wüste ist was los. Wer da alles kam, seit die SWR-Kabarett-Karawane rollt: Dieter Hildebrandt und Hanns Dieter Hüsch, Gerd Dudenhöffer und Gerhard Polt, Mathias Richling und Jürgen Becker, Lore Lorentz und Lisa Fitz. Aber auch Klaus Lage, Karl Dall, Konstantin Wecker und und und. Große Stars, aber auch ewige Insider-Tipps und Sternschnuppen, die heute keiner mehr kennt. Oder solche, die erst keiner kannte und die wenig später renommierte Kleinkunstpreise abräumten und heute große Hallen füllen - Ingo Appelt zum Beispiel oder Rüdiger Hoffmann. Oder Harald Schmidt, der sagt, das Studio-Brettl sei für ihn am Anfang eine großartige Gelegenheit gewesen, Bühnenluft zu schnuppern.
»Wir bieten jungen Kabarettisten ein aufgeschlossenes Publikum«, erklärt Herbert Antl, der das Studio-Brettl seit Anfang 2003 leitet. »Anders als kommerzielle Veranstalter können wir das Wagnis eingehen, den Jungen Auftrittschancen an einem begehrten Spielort zu geben.« Und dort treffen die Jungen, die den Sprung aufs Brettl wagen, auf die etablierten Künstler der Branche. Sie sammeln Erfahrungen und knüpfen Kontakte. Dieser Mix aus großen Namen und (noch) Namenlosen ist das klassische Rezept des Studio-Brettl - und war es schon bei der ersten Veranstaltung am 18. Mai 1974.
Ein Liedermacher namens Eckhart Kahlhofer bedichtete damals »Auerhähne, Kakerlaken und Gonokokken« und die große österreichische Diseuse Lore Krainer besang »Mäuse, Menschen und Lippizaner«. Dazwischen ein Parodist, noch ein Liedermacher und ein Folklore-Sänger aus Ecuador. Fünfzig »sehr verehrte oder auch liebe Damen und Herren« hatte der damalige Hörfunk-Unterhaltungschef Horst Uhse ins Hörspielstudio geladen mit den Worten: »Wir wollen eine neue Sendereihe starten und bitten um Starthilfe.« Der Start glückte. Wenig später zog man um in den so genannten Unterhaltungskomplex, kurz UKO, der heute Günter-Eich-Haus heißt. Und aus fünfzig geladenen Gästen wurden bald 200 Glückliche, die eine Karte ergattert hatten.
Dabei blieb es. Wie auch bei Uhses Wortschöpfung Studio-Brettl und dem Konzept: Vier oder fünf Künstler treten auf - jeder mit einem Ausschnitt aus seinem Programm - und hoffen, dass es funktioniert. Das ist jedes Mal spannend. Und geht oft völlig anders aus, als vielleicht erwartet. Für Klaus Langer sind diese Überraschungsmomente die Highlights in den Erinnerungen an fast 25 Jahre, in denen er, wie er selbst sagt, »die Mutter der Produktion« war. »Wenn jemand da war, den kein Schwein kannte, und hinterher trampelte das Publikum und die Leute kamen zu mir und sagten: ›Wie hieß der noch mal? Es war sooo toll!‹ - das war für mich das Schönste.«
Umgekehrt kann es auch passieren, dass namhafte Künstler überhaupt nicht ankommen. »Das Baden-Badener Publikum«, weiß Langer aus Erfahrung, »merkt genau, wenn man es für dumme Provinzler hält.« Und dann lässt man einen an Jubel gewöhnten Star schon mal abblitzen. Seine Pointen laufen ins Leere, er setzt noch eins drauf, wird immer böser und nervöser - während dem Brettl-Redakteur im Regieraum der Schweiß auf der Stirn steht. Namen werden nicht genannt, aber Klaus Langer erinnert sich an mehr als einen erfolgsverwöhnten Kabarettisten, der nach seinem Auftritt in die Regie gelaufen kam, sich die Tonbänder unter den Nagel reißen wollte und wütete: »Das wird nicht gesendet!«
Gesendet wurde natürlich doch. Und wer gute Ohren hat, der hat diese sensiblen Drähte zwischen Bühne und Parkett auch im Radio gespürt. Nicht umsonst ist von Untertönen die Rede, wenn Worte und Bilder nicht alles sagen. Klaus Langer hat sich sowieso über die Zweifler gewundert, die meinten, man könne Kabarett im Radio nicht vernünftig darstellen. »Der Comedian mit der Pappnase kommt eben nicht vor«, meint er, »und ansonsten muss man die Leute nicht sehen.« Kabarett lebt von den Texten, dem Vortrag, der Musik und den Reaktionen des Publikums.
Vor dreißig Jahren, als Horst Uhse das Studio-Brettl eröffnete, stand der »bunte Abend« noch für niveauvolle Radiounterhaltung. Wie Uhse, der als »Grandseigneur des bunten Abends« galt, wohl die neue Weihnachtsshow genannt hätte? Die »Badischen Neuesten Nachrichten« bezeichneten sie als »Comedy vom Feinsten«. Und damit wären wir mittendrin im Begriffsschlamassel der Kleinkunst von heute. Was ist überhaupt noch Kabarett? Wo hört Kabarett auf, wo beginnt Comedy? Bewegt sich das Studio-Brettl am Ende in Richtung der lärmenden Dämlichkeiten, die unter dem Marketing-Etikett Comedy blendende Fernseh-Sendeplätze erobert haben?
»Mit schnellen Pointen unterhalb der Gürtellinie konnte ich nie etwas anfangen«, meint Klaus Langer, dem viel an der politischen Rolle des Kabaretts liegt - und der zugleich gute Comedians zu schätzen weiß. Schließlich sind viele gute Kabarettisten jetzt im Comedy-Geschäft, Michael Mittermeier zum Beispiel oder auch Hape Kerkeling. Andere, wie Bruno Jonas oder Gerhard Polt, nennen sich von vornherein lieber »Ein-Mann-Theater« oder »Geschichtenerzähler«, wohlwissend, dass der Begriff Kabarett als verzopft gilt. Und wie heißt dann das, was Harald Schmidt in seiner Show gemacht hat?
»Man sollte gar nicht so auf das Etikett achten«, findet Herbert Antl. Schublade auf: Comedy ist hohl, Kabarett ist altbacken, Satire ist, was man so nennt. Schublade zu. Für Antl geht es darum, was jemand zu sagen hat. Und wer die derzeitige Kleinkunstszene ein bisschen kennt, der weiß, dass es keinen Mangel an Künstlern gibt, die mühelos zwei volle Soloprogramm-Stunden lang etwas zu sagen haben.
Nur eben vielleicht in einer etwas anderen Form als der, die man unter dem Begriff Kabarett abgelegt hat. Im aktuellen Kabarett, wie es das Studio-Brettl zeigt, mag es weniger um Politik und Politiker gehen, dafür mehr um Zeitgeist, um das Alltägliche oder Private. Aber im Kern unterscheidet es sich von der schenkelklopfenden Variante der Comedy vor allem durch eins, wie Herbert Antl sagt: »Kabarett kann nie banal sein.« Und was bewirkt Kabarett? Er dreht die alte Frage einfach um: »Sagen wir lieber: Kabarett bewirkt nichts - aber warum wurde und wird es dann immer wieder verboten?«
Der von oben verordnete Maulkorb, die Zensur im Schneideraum, das sind Probleme, die das Studio-Brettl, wie Klaus Langer betont, in dreißig politisch bewegten Jahren nie hatte. »Politisch war alles okay, nur über Geschmacksfragen musste man manchmal sprechen.« Auch ein Vorteil der Nische Radio. Und in Nischen ist bekanntlich viel Leben. - Wie in der Wüste.
Stephanie Schauenburg ist als freie Journalistin tätig und lebt in München.
|
|
 |
 |
Alle Bilder, Texte und Tondokumente auf diesen Internetseiten unterliegen dem Copyright. Das Kopieren - auch auszugsweise - ohne schriftliche Genehmigung ist untersagt. |
 |
|
|